{"id":85,"date":"2024-01-03T00:27:50","date_gmt":"2024-01-03T00:27:50","guid":{"rendered":"https:\/\/wolframknauer.de\/?p=85"},"modified":"2025-03-12T12:24:30","modified_gmt":"2025-03-12T12:24:30","slug":"transformations","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolframknauer.de\/en\/transformations","title":{"rendered":"Transformations and Further Passages"},"content":{"rendered":"<p><strong>The Clarinet Trio<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code has-small-font-size\"><code>liner notes for the album \"Transformations and Further Passages\" by The Clarinet Trio with Gebhard Ullmann, Michael Thiele, J\u00fcrgen Kupke (2021; Bandcamp page of the album <a href=\"https:\/\/gebhardullmann.bandcamp.com\/album\/transformations-and-further-passages\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">here<\/a>). The notes on the album were published in English.<\/code><\/pre>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"894\" height=\"894\" src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-90\" srcset=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image.png 894w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-300x300.png 300w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-150x150.png 150w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-768x768.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 894px) 100vw, 894px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Was, wenn man ein deutsches Real Book zusammenstellen w\u00fcrde? Welche St\u00fccke w\u00fcrden wohl darin landen? Gebhard Ullmann, Michael Thieke und J\u00fcrgen Kupke haben genau dies getan, sich n\u00e4mlich aus dem gro\u00dfen Repertoire des deutschen Nachkriegsjazz (1950er, 1960er Jahre) Titel herausgesucht und sie sich anverwandelt. Das tun Jazzer ja immer, sich die Musik anverwandeln, ob es nun amerikanische Standards sind oder Kompositionen von Kollegen. Im Fall des Clarinet Trio aber kommt die ungew\u00f6hnliche Besetzung hinzu: Kein Schlagzeug, kein Kontrabass, kein Klavier, keine weitere Bl\u00e4serstimme. Drei Klarinetten h\u00f6chstens unterschiedlicher Bauart von der B-Klarinette (Kupke) \u00fcber die Altklarinette (Thieke) bis zur Bassklarinette (Ullmann); dazu individuelle stilistische Klangfarben, bei J\u00fcrgen Kupke etwa das h\u00e4ufige Anschleifen von T\u00f6nen, wie es auch typisch f\u00fcr Klezmer oder balkanische Spielweisen ist, bei Thieke experimentelle Ausfl\u00fcge, bei Ullmann mal der Blues, mal die Viertelt\u00f6nigkeit. Wobei schon diese Zuschreibungen in die Irre f\u00fchren: Alle drei haben ihre Wurzeln im Jazz, alle drei experimentieren im Bereich zwischen Jazz und klassischer Musik, alle drei brechen die Genres auf, alle drei k\u00f6nnen swingen und frei improvisieren, alle drei sind sich der verschiedenen Klangm\u00f6glichkeiten ihres Instruments bewusst und wissen diese gezielt einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee zum Album sei ihnen bei der R\u00fcckfahrt von einem Gig gekommen, erz\u00e4hlt Thieke. Auf den f\u00fcnf vorhergegangenen Platten des Clarinet Trio seien vor allem Eigenkompositionen zu h\u00f6ren gewesen sowie vereinzelte R\u00fcckgriffe auf Standards und St\u00fccke von Kollegen wie Ornette Coleman und Hermann Keller. Und so diskutierten sie f\u00fcr das neue Album, ob es vielleicht Sinn machen w\u00fcrde, einen Gast hinzuzuladen oder eine Live-CD einzuspielen. Und dann kam ihnen die Idee, sich mit der deutschen Nachkriegs-Jazzgeschichte auseinanderzusetzen, mit Musiker:innen der 1950er und 1960er Jahre. Sie begannen zu recherchieren, nicht systematisch, sondern eher zuf\u00e4llig, schickten sich gegenseitig St\u00fccke zu, machten erste Notizen \u00fcber m\u00f6gliche Arrangements, dar\u00fcber, wie die Themen in der Spielhaltung des Clarinet Trio funktionieren k\u00f6nnten. Die Themen mussten so stark sein, dass sie auch in der Bearbeitung noch wiedererkennbar blieben. Es sollte mehr sein als &#8222;nur der Blues&#8220;, sagt Ullmann, es sollten St\u00fccke sein, die einerseits eine klare Spielhaltung widerspiegelten, andererseits ohne Rhythmusgruppe funktionieren w\u00fcrden. Jeder brachte Vorschl\u00e4ge ein, mit dem einen oder anderen \u00e4lteren Kollegen nahmen sie direkt Kontakt auf, h\u00f6rten jeder f\u00fcr sich oder gemeinsam die diversen Aufnahmen und erhielten in Einzelf\u00e4llen (Karl Berger und Manfred Schoof) sogar Originalnoten der St\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fingen sie einfach an Dinge auszuprobieren. Sie schauten, was die Themen hergaben, ob es beispielsweise motivische Ideen gab, mit denen sich arbeiten lie\u00df, wie man eine formale Gestalt schaffen konnte, die keine Aneinanderreihung von Soli darstellte. Nun kann das Clarinet Trio auf eine bald 20j\u00e4hrige Erfahrung zur\u00fcckblicken. Die drei Musiker sind zu einer Art Team zusammengewachsen, bei dem jeder die musikalischen Eigenheiten des anderen kennt. Und so haben sie zusammen eine Klang\u00e4sthetik entwickelt, die mit den M\u00f6glichkeiten der Instrumente spielt \u2013 mit der gemeinsamen Klanggestalt also, aber eben auch mit den sehr unterschiedlichen Herangehensweisen der drei Klarinettisten an Technik, Sound und Melodieerfindung. Insofern sind die Unterschiede zu fr\u00fcheren CDs nur graduell, meint Ullmann: \u00e4sthetisch sei das gar nicht so verschieden, von den Kompositionen her allerdings schon.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Kupke erinnert sich an die Aufnahme im Kleinen Sendesaal des RBB in der Masurenallee, einem Saal mit einer legend\u00e4ren Akustik. Wer das Clarinet Trio je live erlebt hat, wei\u00df, wie schnell die drei die Raumakustik als vierten Mitspieler in die Band aufnehmen, wie sie sich auf die unterschiedlichen Bedingungen einstellen, mit dem Hall des Raums arbeiten, sich einander zu- oder voneinander abwenden, um die Schallwellen ihrer Klarinetten in unterschiedliche Richtungen zu schicken. Es ist ein Raumerlebnis, das das Publikum genauso erlebt wie die Musiker selbst.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches Ausloten des Klangs h\u00f6rt man gleich im ersten Track des Albums, &#8222;Collective&#8220;, einer freien Improvisation, die auch bei der Aufnahmesitzung am Anfang stand. Sie wirkt wie eine Positionsbestimmung der drei Klarinettisten: Einkl\u00e4nge, Dreikl\u00e4nge, Vielkl\u00e4nge, Stimmen, die f\u00fcr sich stehen, die ineinander flie\u00dfen oder auseinander hervorgehen, T\u00f6ne, die perfekt und rein klingen und solche, in denen mit Flatterzunge, Atemvibrato und anderen Mitteln verfremdende Obert\u00f6ne hinzukommen. Es ist eine passende Einleitung, die in knapp zweieinhalb Minuten quasi die Klangm\u00f6glichkeiten des Instruments vorstellt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nomen est Omen: Jutta Hipp war Mitte der 1950er Jahre nun wirklich eine der hippsten Musiker:innen des deutschen Jazz. Geb\u00fcrtig in Leipzig pr\u00e4gte sie die westdeutsche Jazzszene der fr\u00fchen 1950er Jahre, bevor sie sich ab 1955 in New York einen Namen machte. Mit ihrer eigenen Combo spielte sie eine Musik, die sich am Vorbild des amerikanischen Cool Jazz um Lennie Tristano und Lee Konitz orientierte: &#8222;lines&#8220;, also Einzelstimmen, in den Themen und Improvisationen polyphon \u00fcbereinandergesetzt, schnell, virtuos, in einem unterk\u00fchlt wirkenden Klangideal, das auf die im Jazz sonst oft so gern benutzten w\u00e4rmenden Effekte des Vibrato weitgehend verzichtete. &#8222;Cleopatra&#8220; ist ein gutes Beispiel: In dem 1954 von Hipps Quintett aufgenommenen St\u00fcck geht das melodische Thema unvermittelt in Improvisation \u00fcber. Die wiederum spielt mit Motiven aus dem Thema, zum Beispiel einer Dreierfigur, die in der Wiederholung den Viervierteltakt so lange aufbricht, bis sie wieder in den Takt passt. Beim Clarinet Trio ist der Cool-Jazz-Ursprung des Titels deutlich zu h\u00f6ren, dann \u00fcberschlagen sich die Stimmen regelrecht in der scheinbar endlosen Schleife des schon im Originalarrangement von Joki Freund so geschickt gesetzten Dreiermotivs. Alles l\u00f6st sich auf in Klang, der durch die \u00dcberlagerungen der Stimmen bald zu wabern beginnt, Tiefe erahnen l\u00e4sst, bevor ein fast schon klassischer Satz der drei Instrumente zum letztmaligen Thema f\u00fchrt. Man mache sich den Spa\u00df, die beiden Titel \u00fcbereinander zu blenden (was tempotechnisch durchaus machbar ist), und irgendwie wirkt der Klarinettenloop wie eine kongeniale Begleitung der Cool-Jazz-Solisten. Michael Thieke, der f\u00fcr das Klarinettenarrangement verantwortlich ist, erkannte das Potential der Motivik in diesem St\u00fcck, wollte die Cool-Jazz-Atmosph\u00e4re mit abstrakter Improvisation einfangen und dabei doch organisch weiterbewegen. J\u00fcrgen Kupke urteilt: Es klingt wie eine kleine Bigband, und am Ende klingt&#8217;s wie heute!<\/p>\n\n\n\n<p>1958 reiste Albert Mangelsdorff mit dem Newport Youth Orchestra in die USA, hing w\u00e4hrend der Probenphase in New York jeden Abend in den Clubs der Stadt ab und h\u00f6rte seine Heroen live. Er kehrte mit der Erkenntnis zur\u00fcck, dass es \u00fcberhaupt nichts br\u00e4chte, so zu spielen wie die afro-amerikanischen Musiker in New York oder Chicago, dass man sich von den Vorbildern l\u00f6sen m\u00fcsse. Er begriff, dass der Jazz mehr war als Genre oder Stil, dass er eine Haltung besa\u00df, eine musikalische Praxis anbot, die sich auf jedwedes Material anwenden lie\u00df. Das Album &#8222;Tension&#8220; von 1963 war das erste Beispiel des eigenen Wegs, den Albert Mangelsdorff ab dann nahm, oder wie er selbst sich damals ausdr\u00fcckte: &#8222;F\u00fcr mich war es der Beginn dessen, von dem ich sagen kann: ab hier gilt&#8217;s.&#8220; Michael Thieke war von &#8222;Tension&#8220; so fasziniert, dass er anfangs aus der ganzen Platte eine Suite machen wollte. Dann befand er, dass zwei der St\u00fccke \u2013 das thematisch vielschichtige &#8222;Vari\u00e9&#8220; und das fast schon boppige Titelst\u00fcck \u2013 reichhaltig genug seien. Schon die flirrende Er\u00f6ffnungslinie des Themas, das sich beim Clarinet Trio anh\u00f6rt, als sei es aus der Improvisation heraus geboren, stellt das Spielerische des St\u00fccks heraus, m\u00fcndet dann in ein Themenarrangement, das gleich wieder in flei\u00dfiges Geschnatter zerf\u00e4llt. Wo Albert ein kontemplatives Solo beisteuerte, versuchen die drei Klarinetten eine Art bewegten Klang zu erzeugen, in dem immer wieder kleine thematische Versatzst\u00fccke durchscheinen. Es folgt das chorische Thema zu &#8222;Vari\u00e9&#8220; einschlie\u00dflich der so einpr\u00e4gsamen Basslinie des Originals, die jetzt von Ullmanns Bassklarinette \u00fcbernommen und zur Begleitung f\u00fcr J\u00fcrgen Kupkes Solo wird.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Joachim K\u00fchn hatte bereits Mitte der 1960er Jahre einen pianistisch v\u00f6llig eigenst\u00e4ndigen Personalstil entwickelt. Von &#8222;Golem&#8220; gibt es zwei bemerkenswerte Einspielungen, eine Ende 1965 im Trio live in Dresden aufgenommen, die andere zwei Monate sp\u00e4ter in Ost-Berlin mit einem Quartett, dem auch sein Bruder, der Klarinettist Rolf K\u00fchn angeh\u00f6rte. Gebhard Ullmann l\u00e4sst die Basslinie des Klaviers gegen Ende seines Arrangements in eine Art Choral\/Kanon einflie\u00dfen. Wenn kurz danach alles auseinanderzufransen scheint, f\u00fchlt man sich an Joachim K\u00fchns Klanggirlanden erinnert, flirrend-schnelle Figuren auf dem Klavier, die sich einerseits zu Klangfl\u00e4chen verdichten, w\u00e4hrend in ihnen andererseits jeder einzelne Ton durchzuh\u00f6ren bleibt. Ullmanns Arrangement lebt vom spielerischen Zuwerfen der B\u00e4lle, mal Solo, dann Begleitung, mal thematischer Bezug, dann freie Improvisation.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die drei kurzen, \u00fcber das Album verteilten unbegleiteten Soli hatten keinerlei Vorgaben und fangen aus unterschiedlicher Perspektive die Stimmung der Aufnahmetage ein. Michael Thiekes Beitrag spielt vom ersten Moment an mit den Obert\u00f6nen seines Instruments, w\u00e4hrend er sich zugleich durch die eindringlichen Atemger\u00e4usche selbst zu begleiten scheint.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Manfred Schoof schickte dem Clarinet Trio die Originalpartitur von &#8222;Virtue&#8220; \u2013 urspr\u00fcnglich 1966 auf seiner LP &#8222;Voices&#8220; erschienen \u2013, die Gebhard Ullman nur in den Lagen und in Details des Kontrapunktes leicht ver\u00e4nderte. Hier wird besonders deutlich, was alle drei Klarinettisten als ihr Ziel herausstreichen: Das Original klingt durch, obwohl sich der Charakter, die Klangbreite bei Schoof zwischen gestrichenem Kontrabass, Trompete, Saxophon und Becken, durch die Stimmcharaktere der Klarinetten erheblich ver\u00e4ndert. Michael Thieke steht auf der Altklarinette im solistischen Mittelpunkt dieses Tracks.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Karl Berger hatte Noten zur Verf\u00fcgung gestellt f\u00fcr seine beiden Titel &#8222;From Now On&#8220; und &#8222;Get Up&#8220;, erstmals eingespielt 1967 bzw. 1969. &#8222;Get Up&#8220; steht in der Version des Clarinet Trio im Vordergrund, &#8222;From Now On&#8220; wird hier zum Schlussthema. Im Groove, den Gebhard Ullmann auf der Bassklarinette vorgibt, der aber schnell von den versetzten Klarinetten aufgenommen, konterkariert, \u00fcberspielt und wieder aufgenommen wird, h\u00f6rt man deutlich die rhythmische Energie, auf die es Berger in seiner Musik immer ankam. Und selbst wenn Ullmann f\u00fcr eine Weile aussetzt und seinen beiden Kollegen das Feld \u00fcberl\u00e4sst, bleibt der Groove erhalten, inzwischen im Ohr der H\u00f6rer:innen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Set &#8218;Em Up&#8220; ist ein fast schon ikonisches Thema Albert Mangelsdorffs, urspr\u00fcnglich geschrieben f\u00fcr das Album &#8222;Animal Dance&#8220;, das der Posaunist 1962 mit John Lewis einspielte, dann aber auch auf der ein Jahr sp\u00e4ter aufgenommenen LP &#8222;Tensions&#8220; zu h\u00f6ren. Mangelsdorff hatte bereits eine eigenst\u00e4ndige Posaunenstimme entwickelt, sich von Vorbildern wie J.J. Johnson gel\u00f6st, aber noch nicht die solistische Mehrstimmigkeit entwickelt, die sp\u00e4ter insbesondere seine unbegleiteten Soloprogramme bestimmen sollten. Und doch denkt man bei den drei Klarinetten unweigerlich an den Raumklang, den Albert ab den 1970er Jahren einzig und allein auf seinem eigenen Instrument erzeugen konnte. Die Idee zum Ablauf der Clarinet-Trio-Version, erinnert sich J\u00fcrgen Kupke, sei w\u00e4hrend der Proben entstanden. Und so stehen nun Pausen, Akzente, Kl\u00e4nge statt herk\u00f6mmlichen Soli, immer getrennt durch klare thematische Passagen. Es gibt kollektive Phasen, und irgendwie \u00fcbernehmen die kurzen Soloteile das Verschachtelte des Themas, daneben aber auch dessen deutlich durchscheinenden Humor.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Karl Bergers &#8222;Tune In&#8220; von 1969 ist eine fast schon elegische Ballade. Die drei Klarinetten spielen die Themenmotivik leicht versetzt, \u00fcbernehmen dabei fast flie\u00dfend voneinander, arbeiten mit Kanon, Krebs und Spiegelungen, was im \u00dcbereinander der Stimmen zu immer neuen Akkordstrukturen f\u00fchrt, die aber alle ihren Ursprung in der Melodie haben. Ein flotterer und deutlich t\u00e4nzerischer Part bringt im zweiten Teil der Aufnahme eine in den angeschliffenen T\u00f6nen Kupkes balkanisch anmutende spielerische Note hinzu.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Gebhard Ullmanns kurzes Solo spielt mit dem Atem hinter den T\u00f6nen, mit knallenden Slap-Tongue-Akzenten und mit Viertelt\u00f6nigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Rolf K\u00fchns &#8222;Don&#8217;t Run&#8220; von 1966 ist die einzige Komposition des Albums, die von einem Klarinettisten stammt. Das kantige Thema spiegelt in Intervallik, Melodik und den ins Thema eingepassten Improvisationsfreir\u00e4umen K\u00fchns Auseinandersetzung mit dem New Yorker Free Jazz jener Jahre wieder, insbesondere mit Ornette Coleman. Er habe da gar nicht viel arrangieren m\u00fcssen, erinnert sich Gebhard Ullmann. Schon in der Aufnahme mit den K\u00fchn-Br\u00fcdern ging das Thema ja flie\u00dfend in freie, sich an der Themenmotivik orientierende Improvisationspartien \u00fcber. Zwischen den Themenfragmenten, erg\u00e4nzt Michael Thieke, war nichts festgelegt, was dazu f\u00fchrte, dass die verschiedenen Takes sich erheblich voneinander unterschieden. J\u00fcrgen Kupke betont, wie wenig antiquiert dieses St\u00fcck noch heute klingt, eine Qualit\u00e4t, die im Jazz nicht weniger selten ist als beispielsweise in der Neuen Musik: etwas Nachhaltiges zu schaffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr &#8222;Der Blues ist K\u00f6nig&#8220; h\u00f6rte sich Michael Thieke durch einen Sampler mit Jazz aus der DDR und suchte gleich drei St\u00fccke heraus, die mit Bluesverbindungen arbeiten, Klaus Lenz&#8216; &#8222;Der Blues ist der K\u00f6nig&#8220; von 1962, Joachim K\u00fchns &#8222;Grog&#8220; vom Januar 1963 und Ernst-Ludwig Petrowskys &#8222;Erinnerungen an Richard&#8220; vom Dezember 1963. Die Fassung des Clarinet Trio ist eine Art Exkurs in Blues und Groove. Thematische Fragmente tauchen in der Improvisation auf und die verschiedenen Ideen \u00fcberlagern sich. Urspr\u00fcnglich, erinnert sich Thieke, gab es da noch ein Schlussthema, das aber rausfiel, weil die Aufl\u00f6sung der Stimmung in h\u00f6rbares Atmen so viel angemessener schien.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>1964 war das Albert Mangelsdorff Quintett vom Goethe-Institut zu einer Tournee durch S\u00fcdostasien eingeladen worden. Sie nahmen je eine Volksweise aus den Gastl\u00e4ndern in ihr Repertoire auf, unter anderem das &#8222;Theme from Vietnam&#8220;, ein St\u00fcck, dessen ausdrucksvolle Kadenz, wie sich Joachim Ernst Berendt erinnert, der die Reise begleitete, Mangelsdorff so beeindruckte, &#8222;dass er sie ohne \u00c4nderungen oder Erg\u00e4nzungen einfach so spielte, nur die wenigen Takte der Kadenz in all ihrer Einfachheit, Sch\u00f6nheit und Reinheit.&#8220; In der Fassung des Clarinet Trio verleihen die drei Instrumente dem Ganzen eine klangliche Tiefe, lassen das Thema ganz \u00e4hnlich wie Mangelsdorff stehen, \u00fcberlagern es aber mit Echos, spielen mit der Motivik, setzen Linien \u00fcbereinander, verlassen f\u00fcr eine Weile die klare Rhythmik, um gleich darauf im Ineinandergreifen der Stimmen zu einem neuen, nach vorne treibenden Rhythmus zu gelangen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>J\u00fcrgen Kupkes unbegleitetes Solo schlie\u00dft sich an, ein einfaches Thema, unverschn\u00f6rkelt dargeboten und damit ein wenig so, wie Albert das mit dem Volkslied aus Vietnam gemacht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ganz passend, dass das &#8222;Theme from Vietnam&#8220; das Album beendet, handelt es doch von genau jenen Transformationen, die alle drei Musiker in ihrer Auseinandersetzung mit dem deutschen Nachkriegsjazz so faszinieren. Ein deutsches Ensemble reist Anfang der 1960er Jahre nach S\u00fcdostasien, um mit einer damals etwa ein halbes Jahrhundert alten afro-amerikanischen musikalischen Praxis ein einheimisches Volkslied zu interpretieren, das auf Umwegen schlie\u00dflich im 21sten Jahrhundert von drei Musikern in Berlin aufgenommen wird, die den Bezug auf die eigenen musikalischen Vorfahren feiern wollen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es seien solche Wege, die sie interessiert h\u00e4tten, erl\u00e4utert Michael Thieke. K\u00fcnstler, deren Musik auch die geschichtlichen und musikalischen Wandlungen ihrer Zeit wiederspiegelten, ihren Weg von Ost nach West, von Europa in die USA und zur\u00fcck, wobei der Jazz als eine transnationale Musik ihnen immer wieder Ankn\u00fcpfungspunkte gegeben habe. Passagen, geographisch und zeitlich \u2013 und als Gebhard Ullmann dar\u00fcber nachdenkt, f\u00e4llt ihm auf, dass er heute nur drei H\u00e4user von dem Haus entfernt wohnt, in dem der Blue-Note-Gr\u00fcnder Alfred Lion vor seiner Emigration lebte. Der Kreis schlie\u00dft sich: Transformations &#8230; and further passages.<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfram Knauer (2021)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The Clarinet Trio Was, wenn man ein deutsches Real Book zusammenstellen w\u00fcrde? Welche St\u00fccke w\u00fcrden wohl darin landen? Gebhard Ullmann, Michael Thieke und J\u00fcrgen Kupke haben genau dies getan, sich n\u00e4mlich aus dem gro\u00dfen Repertoire des deutschen Nachkriegsjazz (1950er, 1960er Jahre) Titel herausgesucht und sie sich anverwandelt. 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