{"id":101,"date":"2024-01-04T18:13:35","date_gmt":"2024-01-04T18:13:35","guid":{"rendered":"https:\/\/wolframknauer.de\/?p=101"},"modified":"2025-03-12T12:24:34","modified_gmt":"2025-03-12T12:24:34","slug":"broetzmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolframknauer.de\/en\/broetzmann","title":{"rendered":"1968 \u2013 Bremen \u2013 Br\u00f6tzmann"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Eine Reflektion \u00fcber das ungewollt Revolution\u00e4re eines Jazzalbums<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-code has-small-font-size\"><code>Dieser Vortrag entstand aus Anlass der Veranstaltungsreihe \"50 Jahre Peter Br\u00f6tzmann <em>Machine Gun<\/em>\" im Mai 2018 in Bremen. Am Abend nach dem Vortrag spielte Br\u00f6tzmann im Trio mit Alexander von Schlippenbach und Han Bennink in der Lila Eule. Eine Schriftfassung dieses Vortrags findet sich im Buch \"Jazzforschung heute. Themen, Methoden, Perspektiven\", herausgegeben von Martin Pfleiderer und Wolf-Georg Zaddach (2019), Download <a href=\"https:\/\/jazzforschung.hfm-weimar.de\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/JazzforschungHeute2019_Knauer-Broetzmann-Machine-Gun.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a>.<\/code><\/pre>\n\n\n\n<p>Der amerikanische Pr\u00e4sident Bill Clinton wurde w\u00e4hrend seiner Amtszeit vom Oxford American, einer renommierten amerikanischen Kulturzeitschrift, gefragt, welchen Musiker er sch\u00e4tzt, der die Leser des Interviews wohl \u00fcberraschen w\u00fcrde. Seine Antwort war: &#8222;Peter Br\u00f6tzmann&#8220;. Bill Clinton, muss man dazu wissen, war Hobbysaxophonist \u2013 sein Saxophon ist heute im American Jazz Museum in Kansas City zu sehen. Br\u00f6tzmann dagegen ist ein deutscher Saxophonist, der seit den Mitt-1960er Jahren auf der Szene unterwegs ist und gern zu den kompromisslosesten Musikern des Jazz gez\u00e4hlt wird. Er ist einer der Protagonisten des Free Jazz, der ja f\u00fcr sich bereits vielfach auf Unverst\u00e4ndnis st\u00f6\u00dft, weil er eine Aufl\u00f6sung der Strukturraster zu implizieren scheint, an denen sich auch Jazz-unvorbelastete H\u00f6rer orientieren k\u00f6nnen. Br\u00f6tzmanns Art des Free Jazz scheint allerdings selbst all das, was die amerikanischen Musiker der 1960er Jahre vorgemacht hatten, ins Extrem zu treiben. Man spricht oft \u2013 insbesondere in Bezug auf ihn \u2013 von der Kapputtspielphase des deutschen Jazz.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Im Mai 1968 nahm Br\u00f6tzmann zusammen mit sieben Musikerkollegen in Bremen ein Album auf, das Musikgeschichte schrieb. Es tr\u00e4gt den Titel &#8222;Machine Gun&#8220; und ist zu einem der einflussreichsten europ\u00e4ischen Jazzalben geworden. Diesem Album verdankt Br\u00f6tzmann einen Teil seines Rufs als authentisch-kompromissloser K\u00fcnstler, von dem er bis heute \u2013 und zwar v\u00f6llig zu Recht \u2013 zehrt: Mit seiner sperrigen, scheinbar schwer-zug\u00e4nglichen Musik ist Peter Br\u00f6tzmann bis heute der international vielleicht bekannteste und erfolgreichste Jazzmusiker Deutschlands.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einem Jahr j\u00e4hrte sich die Aufnahme dieses Albums zum 50sten Mal. Aus Anlass des Jubil\u00e4ums organisierte der Veranstalter und Soziologe Thomas Hartmann ein Konzert in der Lila Eule in Bremen, bei dem Br\u00f6tzmann und Han Bennink von der Originalbesetzung von &#8222;Machine Gun&#8220; mit von der Partie waren, au\u00dferdem ein weiteres deutsches Free-Jazz-Urgestein, der Pianist Alexander von Schlippenbach. Ich war am Abend zuvor eingeladen, das epochale Album, das oft als Musterbeispiel &#8222;politischer Musik&#8220; gewertet wird, ein wenig in die \u00e4sthetische und gesellschaftspolitische Diskussion der Zeit einzuordnen. Was ich Ihnen heute erz\u00e4hle, basiert auf diesem Bremer Vortrag, ist au\u00dferdem ein etwas ausf\u00fchrlicher formulierter Ausschnitt aus meinem Buch &#8222;Play yourself, man! Die Geschichte des Jazz in Deutschland&#8220;, das im September beim Reclam-Verlag erscheinen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>In Bremen lautete die Einladung urspr\u00fcnglich, ich m\u00f6ge doch das Album &#8222;Machine Gun&#8220; einmal aus musikwissenschaftlicher Perspektive beleuchten. Das habe ich getan und werde dies auch hier in den n\u00e4chsten 50 Minuten ein wenig versuchen einzul\u00f6sen, hoffe, dass Ihnen das nicht zu trocken ger\u00e4t, werde dabei \u00fcber musikalisches Material berichten und dar\u00fcber, wie die Herangehensweise der am Album beteiligten Musiker sich von konventionellen Spielweisen des Jazz unterscheidet \u2013 oder auch nicht. Dann frage ich danach, wieweit Jazz \u00fcberhaupt politisch sein kann, in den USA im Kontext der B\u00fcrgerrechtsbewegung oder wie in Europa im Kontext von Vietnamkriegs-Protesten und Studentenrevolten. Und schlie\u00dflich will ich am Rande auch der Frage nachgehen, inwieweit sich der europ\u00e4ische Free Jazz in diesen Jahren von den amerikanischen Vorbildern losl\u00f6ste, wie er eigene Traditionen entwickelte, die bis in die Gegenwart hinein nachwirken \u2013<strong>&nbsp;<\/strong>nicht zuletzt durch Musiker wie Br\u00f6tzmann, Evan Parker und Han Bennink, die 1968 in der Lila Eule mit von der Partie waren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"477\" src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-1024x477.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-102\" style=\"width:620px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-1024x477.jpeg 1024w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-300x140.jpeg 300w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-768x358.jpeg 768w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image.jpeg 1404w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">v.l.n.r.:&nbsp;&nbsp;Sven-\u00c5ke&nbsp;Johansson, Han Bennink,&nbsp;Buschi&nbsp;Niebergall, Fred&nbsp;Van&nbsp;Hove, Peter Br\u00f6tzmann,&nbsp;&nbsp;&nbsp;Willem Breuker, Peter Kowald, Evan&nbsp;Parker<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>MUSIK 01: &#8222;Machine Gun&#8220; Thema (ca. 0:30)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_01_Machine_Gun_A_Thema.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Fangen wir also mit der Analyse an \u2013 und ich werde vor allem das Titelst\u00fcck des Albums heranziehen, &#8222;Machine Gun&#8220;. Das ist in zwei Takes vorhanden, der eine knapp 15 Minuten, der zweite gut 17 Minuten lang. Die Wiederver\u00f6ffentlichung des Albums, die beide Takes enth\u00e4lt, verr\u00e4t, dass es sich dabei um die Takes 2 und 3 handelt. Ein erster Take scheint also auch aufgenommen worden zu sein, ist allerdings \u2013 auch in der 2007 bei Atavistic erschienenen Edition &#8222;The Complete Machine Gun&#8220; \u2013 nie ver\u00f6ffentlicht worden. Dieses &#8222;Complete&#8220;-Album allerdings enth\u00e4lt eine fr\u00fchere, ebenfalls im M\u00e4rz 1968 aufgenommene Liveversion des St\u00fccks vom Deutschen Jazz Festival in Frankfurt. Sie sehen, es gibt noch zwei weitere Versionen, \u00fcber die ich sp\u00e4ter kurz berichten werde. Auch die Frankfurter Fassung jedenfalls dauert etwa 17 Minuten und unterscheidet sich rein strukturell von den Bremer Versionen zum einen durch die Anwesenheit eines vierten Holzbl\u00e4sers \u2013 n\u00e4mlich Gerd Dudek \u2013, zum zweiten dadurch, dass Willem Breuker hier kein Bassklarinettensolo spielt, sondern stattdessen eine weitere Saxophonpartie zu h\u00f6ren ist, und zum dritten dadurch, dass der in Bremen ausgepr\u00e4gte Klavier-Bass-Schlagzeug-Trialog hier durch ein weiteres Saxophonsolo \u00fcber intensiver Grundierung ersetzt wird, daf\u00fcr am Ende, vor dem Kontrabassduett, aber noch ein klares Klavier-Schlagzeug-Duett eingepasst wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"575\" src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-3-1024x575.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-105\" srcset=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-3-1024x575.png 1024w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-3-300x168.png 300w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-3-768x431.png 768w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-3-1536x862.png 1536w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-3-2048x1150.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>So! Sch\u00f6n gesprochen \u2013 aber mit solcher Information k\u00f6nnen Sie eigentlich nur etwas anfangen, wenn Sie alle Versionen selbst geh\u00f6rt, vor allem aber immer noch im Kopf haben. Was ich Ihnen eigentlich sagen will mit solch halb-detaillierten Hinweisen ist, dass &#8222;Machine Gun&#8220; eine ziemlich klare und nachvollziehbare Struktur besitzt, die die Musiker in allen drei Aufnahmen &#8222;abfeiern&#8220;, einen Rahmen mit beschreibbaren Haltepunkten, mit Freifl\u00e4chen, mit R\u00e4umen f\u00fcr solistische Aktion genauso wie f\u00fcr Interaktion zweier, dreier oder gleich aller Instrumente auf der B\u00fchne.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das werden wir uns gleich ein wenig n\u00e4her betrachten, vorerst aber ein kurzer Einschub zur Zeit, in der dieses Album aufgenommen wurde.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-accent-4-background-color has-background has-medium-font-size\">1968 also. Am 3. Mai hatten Studierende der Sorbonne in Paris die Universit\u00e4t besetzt, um Verbesserungen der Studienbedingungen zu fordern. Es war eine Mischung aus politischen Gr\u00fcnden, die zu den Studentenrevolten f\u00fchrten: der globale Protest gegen den Vietnamkrieg einerseits, Diskussionen \u00fcber sexuelle Revolution und Selbstverwirklichung andererseits, die sich dann beispielsweise in Forderungen nach Aufhebung der Geschlechtertrennung in Studentenheimen niederschlugen. In der Folge der Proteste kam es zu Stra\u00dfenschlachten und Wasserwerfer-Eins\u00e4tzen der Polizei, in der Folge solidarisierten sich Gewerkschaften, aber auch ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung mit den Studenten. Mitte Mai gab es Solidarit\u00e4tsstreiks in Betrieben der Metall- und Chemieindustrie, in denen die Unzufriedenheit der Bev\u00f6lkerung mit dem sozialen System in Frankreich deutlich wurde.&nbsp;<br><br>In Prag hatte Alexander Dubcek im Februar 1968 die Pressezensur aufgehoben und den Prager Fr\u00fchling eingeleitet, der im August durch den Einmarsch sowjetischer Panzer nach Prag gewaltsam beendet wurde.&nbsp;<br><br>Und in Berlin hatte ebenfalls im Februar 1968 der Vietnamkongress vor mehreren tausend Studenten stattgefunden. Am 11. April wurde Rudi Dutschke auf der Stra\u00dfe niedergeschossen und \u00fcberlebte nur knapp. Am 30. Mai erlie\u00df die Bundesregierung die Notstandsgesetze, durch die die Handlungsf\u00e4higkeit des Staates in Krisensituationen sichergestellt werden sollte, die aber insbesondere auch Einschr\u00e4nkungen von Grundrechten enthielten. Im Vorfeld der Proteste gegen diese Notstandsgesetze gab es am 11. Mai einen Sternmarsch auf Bonn, an dem sich zehntausende Demonstranten beteiligten.&nbsp;<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>MUSIK 02: Maschinengewehrsalven [0:40]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_02_Machine_Gun_Maschinengewehrsalven.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Gleich vorneweg: Den sehr realen Eindruck eines Maschinengewehrs zu Beginn meines letzten Beispiels haben Sie meiner Manipulation zu verdanken. Ich habe einfach mal den Sound einer solchen Waffe vor den Ausschnitt aus den abschlie\u00dfenden Instrumentalsalven der Musiker geschnitten. Ich spiele mit dieser Manipulation auf die h\u00e4ufig gelesenen Verweise an, die rasanten Tonrepetitionen und perkussiv wirkenden Klangsalven, die &#8222;Machine Gun&#8220; beginnen, beenden und auch mittendrin immer wieder bestimmen, seien als ger\u00e4uschhafte Ann\u00e4herungen an den Titel der Platte gedacht gewesen, seien also maschinengewehrhafte Salven, herausgetr\u00f6tet von Br\u00f6tzmann, Evan Parker und Willem Breuker, denen Fred van Hove am Klavier, die beiden Kontrabassisten Peter Kowald und Buschi Niebergall und die Schlagzeuger Sven-\u00c5ke Johansson und Han Bennink eine Art energetische Grundlage geben. Neben diesem Klischee zu &#8222;Machine Gun&#8220; gibt es noch ein zweites, mit dem ich vielleicht zuerst aufr\u00e4umen m\u00f6chte. Es wird n\u00e4mlich genauso gern darauf hingewiesen, dass diese Musik, diese kollektiven Energiekurven dem Augenblick entsprungen seien. Tats\u00e4chlich aber liegt dem St\u00fcck ein klarer Ablauf zugrunde, in allen drei Aufnahmen identisch, wenn auch die improvisatorische Ausf\u00fchrung unterschiedlich ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist eigentlich, legt man die Gr\u00f6\u00dfe des Ensembles zugrunde \u2013 also acht, in der Ursprungsfassung sogar neun Musiker \u2013 gar nicht erstaunlich: Zu dritt \u2013 wie auf der 1967 eingespielten ersten LP Br\u00f6tzmanns, &#8222;For Adolphe Sax&#8220; \u2013 l\u00e4sst sich aus der Improvisation heraus leichter eine Form finden als im gro\u00dfen Ensemble. Auch andere Ensembles des Free Jazz, die mehr als Small-Band-Gr\u00f6\u00dfe hatten, bedienten sich ja Haltepunkten als Organisationsger\u00fcsten der Musik, teils entweder in Noten oder graphisch notiert, teils durch Handgesten, quasi Dirigate getriggert, teils einfach vorher abgesprochen \u2013 und auch&nbsp;<em>head arrangements<\/em>&nbsp;sind ja Arrangements (vgl. Br\u00f6tzmann in Jazz Podium, Nov.1984: 8).<\/p>\n\n\n\n<p>Am besten sollte man das eigentlich in seiner Gesamtheit h\u00f6ren, aber das w\u00fcrde bei allen drei Aufnahmen mehr als 45 Minuten dauern, also zeige ich es Ihnen einfach mal.&nbsp;Sie sehen hier Spektogramme der drei Aufnahmen, und die Formteile habe ich Ihnen auch eingezeichnet. Die Originalaufnahme, aus der ich auch die Ausschnitte f\u00fcr heute Abend zusammengeschnitten habe, finden Sie in der Mitte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Abb02-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-109\" srcset=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Abb02-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Abb02-300x169.jpg 300w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Abb02-768x432.jpg 768w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Abb02.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Es beginnt (Buchstabe A) mit dem klangmalerischen Machine Gun-Thema, Tonrepetitionen, nein, Klangsalven der drei Bl\u00e4ser, die diese auch zum Schluss des St\u00fccks wieder aufnehmen (Buchstabe H) und so fast schon eine klassische Rahmung schaffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Den zweiten Teil (Buchstabe B) k\u00f6nnte man in klassischer und sehr europ\u00e4isch gepr\u00e4gter Terminologie als Saxophonsolo mit Bl\u00e4serritornellen beschreiben (Sie sehen diese Einw\u00fcrfe insbesondere im 2. Take sehr deutlich). Die ausbrechende Improvisation Br\u00f6tzmanns findet \u00fcber einer wilden und kollektiv mit ihm kommunizierenden Bass- und Schlagzeuggrundierung statt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6ren Sie einfach mal selbst, drei dieser &#8222;Ritornelle&#8220;, herausgegriffen aus dem ver\u00f6ffentlichten Bremer Take 3:<\/p>\n\n\n\n<p>MUSIK 03: &#8222;Machine Gun&#8220;, Ritornelle [01:00]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_03_Machine_Gun_Ritornelle.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Bl\u00e4sereinsch\u00fcbe sind klangliche, ja sogar tonale Akzente, irgendwo angesiedelt zwischen As und B \u2013 und tats\u00e4chlich h\u00f6rt man in der Klanggestalt dieser Akzente durch die Bl\u00e4ser gen\u00fcgend andere T\u00f6ne heraus, um sie sogar harmonisch deuten zu k\u00f6nnen, als einen F-Dur-Akkord ohne Grundton etwa oder als einen B-Dur-Akkord. Es w\u00e4re allerdings v\u00f6llig falsch, solche Tonzentren harmonisch zu deuten, sie sind viel eher eine Sache der Klangfarbe. Es macht eben einen Unterschied, ob ein Klang clusterartig zusammengesetzt wird, ob sich ein Tonzentrum langsam heraussch\u00e4lt oder ob ein klares vorhandenes Tonzentrum sich durch zus\u00e4tzliche Stimmen entwickelt. Wir haben alle drei Varianten in diesen Aufnahmen, und Frankfurt spielt am st\u00e4rksten mit der Unterschiedlichkeit der ritornellhaften Einw\u00fcrfe. Und schlie\u00dflich will ich noch betonen, dass das alles eher f\u00fcr die H\u00f6rerwartung des Rezipienten Sinn macht, nicht aber f\u00fcr die Funktion dieser Einw\u00fcrfe im improvisatorischen Ablauf. Da n\u00e4mlich fungieren sie vor allem als dramaturgische Strukturpunkte, als ein Ger\u00fcst, in dem sich das Solo entwickeln kann, oder besser, in dem Br\u00f6tzmann im Zusammenspiel mit den anderen Musikern die dramatische Steigerung der musikalischen Energie entwickeln kann.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-accent-4-background-color has-background\">Lassen Sie mich einen zweiten Einschub machen, diesmal zur Vorgeschichte des Albums.<br><br>Am 24. M\u00e4rz 1968 hatte Peter Br\u00f6tzmann also auf dem von Horst Lippmann und Fritz Rau mit-veranstalteten Deutschen Jazz Festival in Frankfurt gespielt.&nbsp;Dort war der letzte Abend dem Free Jazz gewidmet, spielten neben Br\u00f6tzmann Manfred Schoof und Gunter Hampel; und Wolfgang Dauner hatte einen legend\u00e4ren Auftritt, bei dem der Schlagzeuger Fred Braceful &#8222;nackt \u00fcber die B\u00fchne sprang und Dauner selbst eine Geige zertr\u00fcmmerte&#8220; (Schwab: Frankfurt Sound: 179).&nbsp;Jede Ausgabe des Jazz Podiums dieser Zeit hatte mindestens einen Beitrag, der sich ernsthaft mit der Situation und der Zukunft des Jazz auseinandersetzte. Und Joe Viera tat dies erkl\u00e4rend in seiner Serie &#8222;Zur Terminologie des Free Jazz&#8220;, die etwa im April unter der \u00dcberschrift stand &#8222;Was bedeutet in der Musik Form?&#8220;&nbsp;<br><br>Lippmann und Rau hatten also im Auftrag der Deutschen Jazz F\u00f6deration Radio Bremen kontaktiert und beim dortigen Redakteur Siegfried Schmidt-Joos angefragt, ob sein Sender nicht ein Konzert mit Blues und Soul beim Deutschen Jazz Festival pr\u00e4sentieren k\u00f6nnte, das damit quasi zwei Extreme des aktuellen Jazzdiskurses pr\u00e4sentieren wollte: die Auseinandersetzung mit der popul\u00e4ren Seite der Musik auf der einen, die Avantgarde des Free Jazz auf der anderen Seite.&nbsp;<br><br>Dieter Zimmerle, der f\u00fcrs Jazz Podium \u00fcber das Frankfurter Festival berichtete, zeigte sich am \u00fcberzeugtesten vom Auftritt des Br\u00f6tzmann-Nonetts und gipfelte in der Einsch\u00e4tzung: &#8222;Das Tenorsaxophon-Quartett Evan Parker, Wim Breuker, Gerd Dudek und Peter Br\u00f6tzmann machte einen geschlossenen Eindruck, die Musiker konzentrierten sich deutlich aufeinander und man korrespondierte auch mit Klavier (&#8230;), den B\u00e4ssen (&#8230;) und den Schlagzeugen (&#8230;). Das &#8218;Machine Gun&#8216; hatte keine Ladehemmung, was es verscho\u00df, zeigte Wirkung \u2013 keine t\u00f6dliche, sondern eine recht belebende.&#8220; (Jazz Podium, Mai 1968: 155).&nbsp;<br><br>Eine Woche sp\u00e4ter war &#8222;Machine Gun&#8220; beim Jazz Ost-West in der Meistersingerhalle in N\u00fcrnberg zu h\u00f6ren;\u00ad hier ersetzte Manfred School Gerd Dudek \u2013, und der Rezensent (ein gewisser &#8222;N.W.&#8220;) streicht im Jazz Podium heraus, dass das N\u00fcrnberger Konzert zeitlich nicht so eingeschr\u00e4nkt gewesen sei und die Musiker sich daher &#8222;richtig austoben&#8220; konnten, um dann zu erg\u00e4nzen: &#8222;Aber es zeigte sich, da\u00df seine Musik eben kein reines Austoben mehr ist, als das sie am Anfang gelegentlich wirken mochte. Ohne von ihrer platzenden Vitalit\u00e4t eingeb\u00fc\u00dft zu haben, hat sie an Farbe, Abwechslung und erkennbaren Motivgestalten gewonnen. Sie ist auch zum Teil satirisch geworden, und ob der vielzitierte Zorn noch so eine gro\u00dfe Rolle spielt, ist sehr die Frage. K\u00fcnstlerischer Spieltrieb ist in Br\u00f6tzmanns Musik mindestens genauso wichtig geworden.&#8220; (Jazz Podium, Mai 1968: 156)&nbsp;<br><br>Sie sehen aus diesen Rezensionen \u2013 alle aus dem Liveerlebnis heraus geschrieben \u2013, dass die Kritik vielleicht die Schwierigkeit im Zugang zu dieser Musik bemerkte, zugleich aber die Konsequenz, mit der die Musiker das alles auf die B\u00fchne brachten, anerkannte und versuchte, die offenbar ganz anderen Kriterien, nach denen solche eine Musik zu beschreiben ist, zu ergr\u00fcnden.&nbsp;<br><br>Am weitesten war da Manfred Miller gegangen, der bereits 1966, noch vor dem Erscheinen von &#8222;For Adolphe Sax&#8220;, Br\u00f6tzmanns erstem gro\u00dfem Plattenwurf, gefordert habe, man m\u00fcsse diese Musik nach ihrer &#8222;inneren Stimmigkeit&#8220; beurteilen. Miller betonte, dass dieser neue Klang als die Suche nach einer neuen Sprache mit einer ganz eigenen Grammatik zu verstehen sei, und: &#8222;Material dieser neuen Sprache ist grunds\u00e4tzlich jeder Klang, jede Klangverbindung \u2013 Klang in seinem weitesten Sinne als akustisches Ph\u00e4nomen verstanden.&#8220; (Jazz Echo, Sep.1966: 40). Und er weist darauf hin, dass man sich als H\u00f6rer nicht so sehr an den konventionellen Haltemarken orientieren solle, Melodik, Harmonik, Rhythmik, swing, klare Form, sondern stattdessen genie\u00dfen m\u00f6ge, wie bei Br\u00f6tzmann die Form &#8222;erst im freien Zusammenspiel als die Geschichte der Materialverarbeitung&#8220; entst\u00fcnde (Jazz Echo, Sep.1966: 41). Und er nimmt die Frage auf, die seinerzeit \u2013 und \u00fcbrigens bis heute immer wieder \u2013 gestellt wurde, ob das alles denn noch Jazz sei. Seine Antwort: &#8222;Doch bleibt hier erhalten, was zum Besten im Jazz geh\u00f6rt: die gewaltige rhythmische Spannung; die unbedingte Emotionalit\u00e4t, das Blueserbe des Jazz; und die Improvisation, die hier erst in den ganzen Bereich ihrer M\u00f6glichkeiten eintritt.&#8220; (Jazz Echo, Sep.1966: 42)<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Der dritte Teil von &#8222;Machine Gun&#8220;<strong>&nbsp;<\/strong>(Buchstabe C) ist eine Art Klavier-Bass-Schlagzeug-Impro mit sp\u00e4teren Bl\u00e4serakzenten, kurzen, nach oben gerichteten melodischen B\u00f6gen, die dann vom Klavier aufgenommen und in die Improvisation eingebaut werden. In Frankfurt kommt hier \u00fcbrigens noch Gerd Dudeks Saxophon hinzu, daf\u00fcr gibt es anschlie\u00dfend eine Art Klaviersolo mit Schlagzeugakzenten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es folgt als&nbsp;vierter Teil (Buchstabe D) ein Duett der beiden, mit dem Bogen gespielten, Kontrab\u00e4sse, im l\u00e4ngeren Bremer dritten Take deutlich klarer strukturiert, klarer aufeinander bezogen, deutlich mehr als Kommunikation denn nur als Kollektivimprovisation gedacht \u2013 und dieser Take nimmt dabei Momente auf, die auch in Frankfurt zu h\u00f6ren gewesen waren. Sie sehen selbst im Spektogramm, dass die Intensit\u00e4t der beiden Abschnitte dieses Teils sich deutlich unterscheidet,&nbsp;im ersten Teil eher Steigerung,&nbsp;im zweiten Teil gleichbleibende \u2013 kommunizierende \u2013 Energie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"574\" src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-4-1024x574.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-113\" srcset=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-4-1024x574.png 1024w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-4-300x168.png 300w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-4-768x431.png 768w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-4-1536x862.png 1536w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-4-2048x1149.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>MUSIK 04: Bassduett (ca. 1:00)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_04_Machine_Gun_Bassduett.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-accent-4-background-color has-background\">Zwei fest gebuchte Festivalauftritte also sowie ein f\u00fcr den 28. M\u00e4rz angek\u00fcndigtes Konzert in der Lila Eule, und danach, &#8222;in der Nacht&#8220; die Aufnahme des Albums. Die beiden Festivals hatten die Finanzen gesichert, die es brauchte, um dieses Projekt auf Platte aufzunehmen.&nbsp;<br><br>Seine erste Platte hatte Br\u00f6tzmann ja im Juni 1967 zusammen mit Peter Kowald und Sven-\u00c5ke Johansson noch selbst produziert. Das Trio war mehrmals in der Lila Eule aufgetreten, einem Club, der aktuelle Musik genauso zur Diskussion stellte wir aktuelle Politik. Rudi Dutschke hatte im November 1967 hier gesprochen, und die Bremer CDU-Fraktion wertete den Spielort als linken Versammlungsort, der &#8222;die Jugend f\u00fcr die Revolution sensibilisiert&#8220; (Der Spiegel, 23.Sep.1968: 195; zit. nach Kisiedu: 69). Anders als oft angenommen war die Aufnahme allerdings kein Livemitschnitt eines Konzerts, sondern das Ergebnis einer Studiositzung, f\u00fcr die Br\u00f6tzmann den Club benutzte, und dazu einen Toningenieur von Radio Bremen engagierte, um die Band unter schwierigen akustischen Bedingungen aufzunehmen.&nbsp;<br><br>Manfred Miller, der damals die Jazzredaktion bei Radio Bremen leitete und mit technischem Beistand bei der Produktion half \u2013 wie er sp\u00e4ter schrieb &#8222;ein wenig&nbsp;&nbsp;au\u00dferhalb der von seinen Arbeitgebern vorgesehenen Modalit\u00e4ten&#8220; \u2013, Manfred Miller also beschreibt im&nbsp;Sounds&nbsp;vom September 1968 die Aufnahmesituation. Ich will Ihnen seine launige Beschreibung der Aufnahme nicht vorenthalten: &#8222;Die erste Nacht wurde ein Desaster. Doch das betraf nicht die Musik: Morgens gegen f\u00fcnf war nichts gewonnen als die Erkenntnis, da\u00df eine einzige Whiskyflasche acht Musikern, einem Techniker und ein paar Freunden nicht standzuhalten vermag, und da\u00df es zwischen den hallenden Betonw\u00e4nden des Kellers fast aussichtslos war, einen auch nur halbwegs klaren Klang auf ein semiprofessionales Stereo-Tonband zu bannen. Selbst zwei Polizisten, die mit einer fr\u00f6hlichen Einlage und der Bemerkung, hier sei die hanseatische Polizeistunde gesetzwidrig \u00fcberschritten worden, ihr Bestes gaben, konnten die Stimmung nicht wesentlich bessern. Trotzdem wurde es an n\u00e4chsten Abend noch einmal versucht, wurden Tische und B\u00e4nke zu reichlich labilen Trennw\u00e4nden aufeinanderget\u00fcrmt, wurden aus zwei gro\u00dfen Bodent\u00fcchern des Bremer Theaters Verschl\u00e4ge f\u00fcr die beiden Schlagzeuger gebastelt.&#8220; (Sounds, Sep.1968: 16)<br><br>Aber, erg\u00e4nzt Miller hier genauso wie in seiner nicht-gezeichneten Rezension im&nbsp;Jazz-Echo&nbsp;einen Monat sp\u00e4ter, aber &#8222;vielleicht ist es gut, da\u00df diese Musik nicht vom trockenen, sterilen Studio-Klang ermordet wurde, da\u00df der fantastische Sound des Saxophone-Ensembles (das klingt wie ein avantgardistischer Super-Roland-Kirk) nicht s\u00e4uberlich von den Mikrofonen seziert wird: So bleibt auch auf der Platte jene intensive Spontaneit\u00e4t erhalten, die zum Besten geh\u00f6rt, das der Free Jazz zu bieten hat; so wird auch auf der Platte akustisch die Spannung jener Momente deutlich, in denen eine Stimme sich aus dem Ensemble l\u00f6st, die anderen zum Schweigen zwingend.&#8220; (Jazz Echo, Oct.1968: 35)<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>MUSIK 5: Bassklarinettensolo (ca. 0:35)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_05_Machine_Gun_Bassklarinette.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Teil 5 (also Buchstabe E) ist eine Art Bassklarinettensolo Willem Breukers, zum Teil unbegleitet, zum Teil \u00fcber einer Art &#8222;Maschinengewehr&#8220;-Salven der Perkussionisten, eine Passage, die dann in eine klare, wiederholte Rifffigur der Bl\u00e4ser m\u00fcndet (Buchstabe F) und gleich darauf in ein Armageddon aller Beteiligten \u00fcbergeht, eine kollektive Phase des Br\u00fcllens und des Schreiens. In Frankfurt war dieser Teil \u00fcbrigens ein klares Saxophonsolo, das sich insbesondere \u00fcber dem Schlagzeug entwickelte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"574\" src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-5-1024x574.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-117\" srcset=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-5-1024x574.png 1024w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-5-300x168.png 300w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-5-768x431.png 768w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-5-1536x861.png 1536w, https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/image-5-2048x1149.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>H\u00f6ren Sie diese Rifffigur, die \u00fcbrigens in allen Aufnahmen genauso vorhanden ist, und wir werden gleich noch ein zweites ungew\u00f6hnliches Zitat h\u00f6ren, das genauso in allen Fassungen vorkommt:<\/p>\n\n\n\n<p>MUSIK 6: Riffigur&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_06_Machine_Gun_Riff.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn uns solche Rifffiguren an etwas erinnern, dann an die Rhythm &#8217;n&#8216; and Blues-Saxophonisten, die mit ihrem archaischen Ansatz in den USA Musiker der 1960er Jahre beeinflussten, die ganz besonders die Blackness ihres Sounds herausstreichen wollten: Coltranes Saxophonpredigten genauso wie die von New-Orleans-M\u00e4rschen und Blues-Shouts durchzogenen Gottesdienste eines Albert Ayler. Und an letzteren erinnert noch mehr der jetzt folgende Teil 6 (also Buchstabe G), bei dem sich aus der Wucht der r\u00f6hrenden Saxophone eine Art swingendes Rhythm &#8217;n&#8216; Blues-Thema heraussch\u00e4lt, das immer intensiver wird, bis es in kollektiver Improvisation endet, aus der heraus schlie\u00dflich die Tonrepetitionen des Machine-Gun-Themas ert\u00f6nen (Buchstabe H), die die Aufnahme beenden.<\/p>\n\n\n\n<p>MUSIK 7: RnB-Thema bis Schluss [02:10]<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_07_Machine_Gun_RnB_bis_Schluss.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich finde, dass diese beiden Teile \u2013 die Rifffigur also und das Rhythm &#8217;n&#8216; Blues-Thema \u2013 sehr viel \u00fcber die Musik aussagen, aber auch \u00fcber Br\u00f6tzmanns \u2013 und ich nehme seine Mitmusiker dabei nicht aus \u2013 &#8230; Selbstverst\u00e4ndnis dessen, was sie da machen. Ja, dies ist eine unbedingt andere Art freier Improvisation als das, was in den USA zur selben Zeit stattfindet. Aber: Die immer wieder behauptete totale Emanzipation vom amerikanischen Jazz ist es eben nicht, sondern zugleich eine Entwicklung aus der Sprache tiefster afro-amerikanischer Emotionalit\u00e4t heraus, ein bewusster Bezug auf die Wurzeln dieser Musik, auf den Blues, auf Call and Response, auf Intensit\u00e4t, auf eine fast spirituell erlebbare Feier der Community. Diese Momente stehen dem scheinbar Destruktiven im Klangeindruck der restlichen Aufnahme fast schon kontr\u00e4r gegen\u00fcber, tats\u00e4chlich aber erkl\u00e4ren sie zugleich die Haltung des ganzen St\u00fccks: Die Betonung von Individualit\u00e4t, das Aufbrechen konventioneller Formmodelle, das Beharren auf neuen \u00e4sthetischen Auffassungen, bei denen etwa Intensit\u00e4t und emotionaler Ausdruck Vorrang vor vordergr\u00fcndiger &#8222;Sch\u00f6nheit&#8220; haben&#8230; das alles ist zugleich Zeichen einer gemeinsam erlebten, nein, gemeinsam geschaffenen Solidarit\u00e4t, die erstens nur in der Gruppe m\u00f6glich ist, und die zweitens mit der Tradition nicht bricht, sondern diese im Gegenteil beim Worte nimmt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-accent-4-background-color has-background\">Womit wir jetzt endg\u00fcltig bei der Deutung der Aufnahme w\u00e4ren, mit der Br\u00f6tzmann seit 1968 immer wieder konfrontiert wurde. Ein Weg zur Deutung der Aufnahmen hat mit der Musik herzlich wenig zu tun und ist vor allem ikonographisch:<br><br>Das Maschinengewehr, das auch auf Br\u00f6tzmanns Cover zu sehen ist, war in der damaligen Zeit bereits zu einem Symbol mit sehr unterschiedlichen inhaltlichen Verweisen geworden.&nbsp;In den 1960er Jahren lie\u00df sich beispielsweise Fidel Castro gern mit Maschinengewehr abbilden.&nbsp;1968 wurde Monk&#8217;s &#8222;Underground&#8220;-Album ver\u00f6ffentlicht, dessen Cover einerseits mit dem Verweis auf die Resistance w\u00e4hrend des II. Weltkriegs spielt, andererseits mit der tagesaktuellen Forderung der Black Panthers nach dem Recht auf Bewaffnung auch f\u00fcr schwarze Amerikaner.<br><br>Von 1968 dann stammt Br\u00f6tzmanns Cover f\u00fcr &#8222;Machine Gun&#8220;, das einen amerikanischen GI mit Maschinengewehr zeigt.&nbsp;Es ist ein Bild, wie es zu der Zeit aus etlichen Illustriertenabbildungen zum Vietnamkrieg bekannt ist.<br><br>1971 schlie\u00dflich entwarf ein Bekannter von Ulrike Meinhoff das RAF-Logo mit einer Maschinenpistole (eigentlich wollte er eine Kalaschnikoff zeichnen) \u00fcber einem f\u00fcnfzackigen roten Stern, und gab damit der Waffe, die hierzulande ja eher als Verweis auf Geschehnisse anderswo wahrgenommen wurde, einen sehr pr\u00e4senten, pl\u00f6tzlich die Alltagswirklichkeit Westdeutschlands betreffenden Bezug.&nbsp;<br><br>In all diesen Bildern \u2013 und ich h\u00e4tte noch Hunderte weitere finden k\u00f6nnen \u2013 werden der Waffe also Konnotationen beigeordnet. Mal ahnt man Heldenhaftigkeit, mal die Verteidigung der westlichen Welt, mal die Wehr gegen Unrecht und Kapitalismus, mal Terror und Gewalt.&nbsp;Mal aber auch die Abkehr von allen inhaltlichen Verweisen, wenn etwa 2011 Br\u00f6tzmanns Albumcover von einem italienischen Fan als bedrucktes T-Shirt angeboten wurde.&nbsp;<br><br>Vom Albumcover ganz abgesehen wurde das Album jedenfalls, sicher vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen sofort als politisches Statement wahrgenommen. Es gab auch andere Stimmen, die der Musik im Nachhinein diesen Status etwa mit dem Hinweis darauf wieder absprachen, dass der Albumtitel ja keineswegs als Verweis auf Krieg und Rebellion gedacht war, sondern schlicht und einfach der Spitzname war, den Don Cherry dem Saxophonisten wegen seines energetischen, Stakkato-geladenen Spiels verpasst hatte: &#8222;Hey, Machine Gun!&#8220;.&nbsp;<br><br>In den Deutungsgeschichten von &#8222;Machine Gun&#8220; gibt es diese beiden Extreme: die eine Interpretation des Albums als eines hochpolitischen Statements und die andere als einer rein \u00e4sthetisch-k\u00fcnstlerischen Aussage. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie so oft, in der Mitte. Br\u00f6tzmann selbst hatte im Mai 1967 an einer Fernsehsendung teilgenommen, bei der Musiker und Experten \u00fcber die beiden scheinbar gegens\u00e4tzlichen Pole der aktuellen Jazzentwicklung diskutierten, den Pop-Jazz Klaus Doldingers auf der einen und den Free Jazz Peter Br\u00f6tzmanns auf der anderen Seite.&nbsp;<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>H\u00f6ren Sie einen l\u00e4ngeren Interviewausschnitt mit Br\u00f6tzmann, der sich den Fragen von Schmidt-Joos, Werner Burkhardt, Uli Olshausen und Felix Schmidt stellt.<\/p>\n\n\n\n<p>MUSIK 08: Broetzmann-Interview (03:00)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_08_Broetzmann_Interview.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<p class=\"has-accent-5-background-color has-background\">Schmidt-Joos: Kritische Einw\u00e4nde, wer m\u00f6chte sich hier zu Wort melden? Herr Schmidt&#8230;<br><br>Felix Schmidt: Ja, ich m\u00f6chte gern einmal wissen: Haben Sie irgendetwas wie ein System, das Sie Ihrer Musik zugrunde legen?<br><br>Peter Br\u00f6tzmann: Das System, das der Musik zugrunde liegt, das bin ich. Sonst gibt es nichts.&nbsp;<br><br>Schmidt: Sie notieren die Musik auch nicht? Es gibt keine graphische Partitur?<br><br>Br\u00f6tzmann: Das ist \u00fcberhaupt nicht mehr m\u00f6glich. Man kann nat\u00fcrlich graphische Partituren machen, das haben wir auch zum Teil gemacht, aber wenn man sich lange genug kennt, und das ist das Wichtigste bei der Musik, fallen diese Dinge fort, sind einfach nicht notwendig.&nbsp;<br><br>Schmidt-Joos: Nun ist der Einwand ja oft erhoben worden, dass Musiker des Free Jazz, die eine solche wilde Klangorgie, wie Sie sie produzieren beim Spielen, hervorbringen, nicht in der Lage seien, auch normal ihr Instrument in Jazzvariationen \u00fcber, sagen wir, &#8222;Summertime&#8220; oder &#8222;St. Louis Blues&#8220; zum Sprechen zu bringen.&nbsp;<br><br>Br\u00f6tzmann: Wenn ich wollte, k\u00f6nnte ich Ihnen was vorspielen. Ich tue es nicht, weil&#8217;s einfach nicht meine Sache ist. Diese Frage kommt immer zur\u00fcck auf die Technik, und dann werden immer die Stimmen laut: Ja, der Mann, der kann nicht spielen, der hat keine Technik, der hat \u00fcberhaupt nichts. Das sind dann die Leute, die nur von sich selbst oder von irgendeinem alten Klischee ausgehen, die sich nicht mal die M\u00fche machen, einfach sich hinzusetzen einen Abend lang und mal zuzuh\u00f6ren und alles andere, was vorher und hinterher und daneben ist, abzuschalten, einfach mal dasitzen und h\u00f6ren. Das ist das Wichtigste, vorerst.<br><br>Werner Burkhardt: Herr Br\u00f6tzmann, ich bin gern bereit mir die M\u00fche zu machen. Ich habe eben diese Drei-Minuten-St\u00fccke etwa mit viel gr\u00f6\u00dferem Vergn\u00fcgen, auch \u00e4sthetischem Genuss geh\u00f6rt als gelegentlich Dinge, die ich von Ihnen in der gel\u00f6steren Atmosph\u00e4re des Kellers geh\u00f6rt habe, denn da habe ich oft das Gef\u00fchl, dass Sie dann, wenn Sie \u00fcber 20, 25 oder gar 30 Minuten improvisierend musizieren, auch gelegentlich in jene Dinge verfallen, die Sie anders und traditioneller gebundenen Formen des Jazz als Klischee vorwerfen.&nbsp;<br><br>Br\u00f6tzmann: Nat\u00fcrlich. Die Gefahr besteht bei jedem. Da schlie\u00dfe ich mich absolut nicht aus, nat\u00fcrlich.&nbsp;<br><br>Siegfried Loch: Sind Sie der Meinung, dass Sie mit den normalen M\u00f6glichkeiten, die Ihnen der Jazz bietet als Musiker, nicht auskommen und deswegen ausgebrochen sind in den Free Jazz?<br><br>Br\u00f6tzmann: Das ist tats\u00e4chlich zwischen Doldinger und mir doch eine Generationsfrage; die paar Jahre dazwischen spielen keine Rolle. Aber die Leute sind gro\u00df geworden mit irgendwelchen Vorbildern und sind sich nie der Aufgabe bewusst geworden, die man hat, sich selbst und der Gesellschaft gegen\u00fcber. Und da ist \u00fcberhaupt der grundlegende Unterschied des Free Jazz zum herk\u00f6mmlichen Jazz. Und das ist <em>der<\/em> haupts\u00e4chliche Punkt an dem ganzen Wechsel und an der ganzen Umformung.&nbsp;<br><br>Ulrich Olshausen: Herr Br\u00f6tzmann, die modernen Musiker, die so \u00e4hnlich spielen wie Sie, sind im Allgemeinen sehr stolz darauf, dass Sie einen sehr intensiven Dialog pflegen in ihrer Musik. Worin besteht Ihrer Ansicht nach in Ihrer Musik das Gemeinsame, das Verbindende zwischen Ihnen und den anderen Musikern, die mit Ihnen spielen?<br><br>Br\u00f6tzmann: Das Feeling. Immer noch dasselbe Feeling, das man hat zusammen.<br><br>Olshausen: Ein thematisches Miteinander gibt es nicht mehr?<br><br>Br\u00f6tzmann: Nee, Nee.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Ihnen diesen Ausschnitt zusammenh\u00e4ngend vorgespielt, auch, weil eine Aussage, die Br\u00f6tzmann machte, von den Mit-Diskutanten nicht aufgenommen, vielleicht nicht einmal wahrgenommen wurde. Lassen Sie mich diese Aussage noch einmal vorspielen:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>MUSIK 09: Br\u00f6tzmann-Interview (0:40)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-audio\"><audio controls src=\"https:\/\/wolframknauer.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Musik_09_Broetzmann_Interviewt.mp3\"><\/audio><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-4-background-color has-background\">Gesellschaftliche Verantwortung der K\u00fcnstler also. Ein Thema, das 1968 in der Luft lag, aber sicher nicht erst 1968. Br\u00f6tzmann hatte 1963 f\u00fcr die Ausstellung &#8222;Exposition of Music \u2013 Electronic Television&#8220; in der Wuppertaler Galerie Parnass ja eng mit Nam June Paik zusammengearbeitet, dessen Kunst ein &#8222;permanentes Experiment&#8220; war, &#8222;das gesellschaftliche, politische, technologische und \u00f6konomische Prozesse hinterfragte&#8220; (<a href=\"http:\/\/www.hatjecantz.de\/nam-june-paik-2561-0.html)\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">http:\/\/www.hatjecantz.de\/nam-june-paik-2561-0.html)<\/a>. Siegfried Schmidt-Joos, der die eben geh\u00f6rte Sendung moderierte, f\u00fchrte f\u00fcr das Aprilheft des <em>Jazz Podium<\/em>s ein Gespr\u00e4ch mit Br\u00f6tzmann, w\u00e4hrend dessen er ihn auch nach dem Schock befragt, den seine Musik bei Zuh\u00f6rern ausl\u00f6sen m\u00f6ge. Br\u00f6tzmanns Antwort: &#8222;[D]ie Musik kommt aus uns selbst wie sie ist, und wir beabsichtigen in keiner Weise irgendwen zu schockieren. Da\u00df sie nat\u00fcrlich bei gewissen Leuten einen Schock hervorruft, ist klar. Andererseits mu\u00df man wissen, in welcher Zeit man lebt, man mu\u00df wissen, da\u00df viele Dinge ge\u00e4ndert werden m\u00fcssen. Und aus diesem Grunde spielt man nat\u00fcrlich nicht so vor sich hin, man \u00fcberlegt viele Dinge und man mu\u00df sicher sein, mit dem, was man machen will.&#8220; (Jazz Podium, April 1968: 129)<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck zu &#8222;Machine Gun&#8220;: Sie haben also eine klare Ablaufstruktur: Thema, f\u00fcnf bis sechs Teile und eine Reprise. Es gibt Absprachen dar\u00fcber, wer solistisch im Vordergrund steht und wann, wo, und wie eine Zunahme der Intensit\u00e4t stattfinden soll. Es gibt klare thematische Vorgaben, sowohl f\u00fcr das Anfangsthema wie auch f\u00fcr die Einw\u00fcrfe oder die beiden Riffs. Es gibt Absprachen \u00fcber das Kontrabassduo \u2013 und da dies ein Part ist, der sich in den beiden Bremer Takes am meisten unterscheidet, mag man dar\u00fcber spekulieren, ob Kowald und Niebergall zwischen den Takes kurz dar\u00fcber gesprochen haben, sich gegenseitig mehr Luft zu lassen, vielleicht so wie in Frankfurt, st\u00e4rker dialoghaft statt \u00fcbereinander zu agieren. Es gibt eine klare Vorstellung von der Intensit\u00e4tssteigerung des Gesamtablaufes. Ansonsten ist alles Improvisation, &#8222;emotionale Hitze&#8220;, &#8222;geradezu atemberaubende Energie&#8220;, wie Ekkehard Jost das gemeinsame Powerplay des Oktetts beschreibt (Europas Jazz: 118). Br\u00f6tzmanns eigene, bereits in den Jahren zuvor ausgebildete Spieltechniken, seine &#8222;hochlagigen Klangfl\u00e4chen&#8220; und &#8222;Bewegungscluster&#8220;, wie Jost diese in Bezug auf &#8222;For Adolphe Sax&#8220; identifiziert (Jost: Europas Jazz: 92), werden hier quasi auf den ganzen Saxophonsatz \u00fcbertragen. Hinzu kommen klarere solistische Partien einzelner Bl\u00e4ser, die auch die Unterschiedlichkeit des musikalischen Ansatzes deutlich machen (am extremsten vielleicht in der Frankfurter Aufnahme, in der mit Gerd Dudek ein Vertreter einer fr\u00fcheren Generation mit von der Partie ist). Das Anfangssolo ist im zweiten Take ein wenig &#8222;eing\u00e4nglicher&#8220;,&nbsp;&nbsp;formuliert quasi&nbsp;&#8222;geatmete&#8220; Satzphrasen, im ver\u00f6ffentlichten dritten Take dann&nbsp;konzentriert es sich st\u00e4rker auf die Phrasengestalt, die es als solche \u2013 also als Gestalt, nicht als motivisches Element \u2013 wiederholt oder fortf\u00fchrt. Die \u00dcberg\u00e4nge gelingen im dritten, also dem letztlich ver\u00f6ffentlichten Take aus dem Spiel heraus, w\u00e4hrend die Anschl\u00fcsse im zweiten Take manchmal abrupter passieren. Dieser dritte Take wirkt also, alles in allem, organischer. Alle Phasen des improvisatorischen Ablaufs entwickeln sich fast schon stringent auseinander heraus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Aber eigentlich will ich es bei diesen wenigen analytischen Anmerkungen belassen. Sie sollen einzig ein Schlaglicht darauf werfen, dass auch frei improvisierte Musik Strukturen hat, einige, denen wir beim Entstehen zuh\u00f6ren k\u00f6nnen, andere, die offenbar abgesprochen sind, dabei aber immer wieder Ver\u00e4nderungen zulassen. Und sie zeigen, dass auch in frei improvisierter Musik das n\u00e4here Kennenlernen des musikalischen Materials \u2013 und auch lose Absprachen \u00fcber den Improvisationsverlauf geh\u00f6ren zum musikalischen Material \u2013 Einfluss haben auf das klangliche Ergebnis. So stark und heftig insbesondere das spontane und energiegeladene Moment in &#8222;Machine Gun&#8220; wirkt, so basiert es auf den improvisatorischen Erfahrungen aller daran beteiligten Musiker, auf dem Sich-Verlassen-K\u00f6nnen auf die Reaktionen der jeweils anderen, auf der gemeinsamen Vorstellung davon, wie sich Energie, oder sagen wir lieber Intensit\u00e4t, erzielen l\u00e4sst, nicht zuletzt aber eben auch auf der kurzfristigen Erfahrung, den abgesprochenen Ablauf n\u00e4mlich schon einmal durchgespielt zu haben. Hier unterscheidet sich &#8222;Machine Gun&#8220; dann in nichts von den genauso improvisierten Aufnahmen Charlie Parkers etwa \u00fcber &#8222;Parker&#8217;s Mood&#8220;.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-accent-4-background-color has-background has-medium-font-size\" style=\"padding-top:0;padding-bottom:0\"><br>Zu Recht stellt sich also die Frage, inwieweit das Politische in die Musik hineininterpretiert wurde, inwieweit Musikmachen (gerade zu jener Zeit, aber eigentlich immer) wie selbstverst\u00e4ndlich Stellung bezieht in aktuellen politischen Diskursen, oder inwieweit die Musik denn irgendwie auch politisch &#8222;gemeint&#8220; ist. Der britische Kritiker Barry Miles beschreibt in seiner Rezension des Albums den Unterschied zur Musik etwa eines Albert Ayler:&nbsp;&#8222;Die Musik basiert auf musikalischen Wurzeln, die tief in uralten Felsen Europas verankert sind. Machine-gun handelt von Maschinengewehren, die Amerika noch nicht einmal kennt. Europa mit seinen Bombentrichtern, mit den Konzentrationslager-Museen, mit kriegsvernarbten Menschen und Geb\u00e4uden, mit seiner Berliner Mauer und dem besetzten Prag.&#8220; (Barry Miles, in: International Times, 6.-19.Sep.1968: 8; zit. nach Kisiedu: 71) [Diese Rezension stammt vom September, also nach der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings durch die Sowjets.)<br><br>Wie war das denn mit den politisch-musikalischen Vorbildern in den USA? Dort hatte die B\u00fcrgerrechtsbewegung ja bereits seit Mitte der 1950er Jahre auch auf die Kultur \u00fcbergeschwappt. Musiker wie Charles Mingus, Sonny Rollins oder Max Roach sahen ihre Kunst als einen auch politischen Ausdruck und machten das in Interviews wie auch auf der B\u00fchne deutlich. Diejenigen allerdings, die ab 1960 als Revolution\u00e4re des Jazz bezeichnet wurden, die Vertreter des fr\u00fchen amerikanischen Free Jazz, Ornette Coleman, Cecil Taylor und John Coltrane, blieben allen politischen Interpretationen ihrer Musik gegen\u00fcber eher skeptisch. In einem legend\u00e4ren Interview mit dem Kritiker Frank Kofsky antwortet Coltrane beispielsweise auf die Frage nach dem politischen Gehalt bzw. Input seiner Musik wiederholt, Musik spiegele f\u00fcr ihn vor allem die reale Umwelt wider und damit nat\u00fcrlich auch politische Str\u00f6mungen, er s\u00e4he dar\u00fcber hinaus allerdings keinen konkreten Einfluss von Politik auf seine Musik.<br><br>Br\u00f6tzmann klingt ganz \u00e4hnlich, als Bert Noglik ihn 1981 auf die politische Bedeutung seiner Musik 1968 anspricht: &#8222;Gegen die Konstruktion eines direkten Zusammenhanges w\u00fcrde ich mich wehren. Da\u00df aber die politischen Bewegungen und Stimmungen dieser Jahre auch unsere musikalische Entwicklung in gewisser Weise beeinflu\u00dft haben, kann man schwerlich bestreiten.&#8220; 2012 erg\u00e4nzt er im Gespr\u00e4ch mit Christoph Bauer, &#8222;Free Jazz&#8220; sei ja vor allem eine amerikanische Errungenschaft, die immer im Zusammenhang mit den verschiedenen Auspr\u00e4gungen der B\u00fcrgerrechtsbewegung gesehen werden m\u00fcsse (Bauer: Br\u00f6tzmann Gespr\u00e4che, 2012: 47). Provozierend, insistiert er gleichzeitig, sei seine Musik gar nicht gemeint gewesen: &#8222;Das war nicht so geplant \u2013 dass es nat\u00fcrlich Provokation war, das ist klar &#8230; aber f\u00fcr uns war das ganz ernst gemeinte, ehrliche Arbeit.&#8220; (Bauer 2012: 64)&nbsp;<br><br>Daneben aber wei\u00df auch Br\u00f6tzmann, dass Musik, und insbesondere seine Musik, immer auch politisch ist. 1987 etwa weist er im Gespr\u00e4ch mit dem amerikanischen Journalisten Bill Shoemaker auf die spezielle Situation in Westdeutschland in den 1960er Jahren hin, &#8222;eine politische und gesellschaftliche Situation, die mich mehr ins radikale Denken dr\u00e4ngte&#8220; (Down Beat, Jan.1987: 25). Nat\u00fcrlich also habe seine Musik gesellschaftliche Bez\u00fcge, und die seien&nbsp;&nbsp;ganz pers\u00f6nlich bedingt. Ohne ein Bewusstsein f\u00fcr Politik sei das alles f\u00fcr sie doch undenkbar gewesen, insbesondere in den 1960er Jahren, sagt er im Gespr\u00e4ch mit G\u00e9rard Rouy (Rouy: Conversations: 60). Klar h\u00e4tten sie mit der Musik auch die Gesellschaft ver\u00e4ndern wollen, die Menschen, die Art des Zusammenlebens.&nbsp;<br><br>In Frankfurt habe ihn Daniel Cohn-Bendit Ende 1968 davon abhalten wollen, einen Gig mit gro\u00dfem Ensemble an der Goethe-Uni zu spielen, weil sie dort doch f\u00fcrs Establishment auftreten w\u00fcrden. Er habe Cohn-Bendit dann \u00fcberzeugt, indem er ihm gesagt habe, h\u00f6rt Euch doch erst mal an, was wir spielen, dann reden wir nach dem Konzert. Aber nach dem Konzert sei von denen keiner mehr da gewesen.&nbsp;<br><br>An der FU Berlin gab es Diskussionen dar\u00fcber, ob das denn \u00fcberhaupt Musik f\u00fcrs Volk sei, das sei doch zu sehr Avantgarde, zu elit\u00e4r, keiner w\u00fcrde das verstehen. &#8222;Wir pr\u00fcgelten uns fast, das waren alles politische Avantgardisten, sehr links, aber sie mochten Joan Baez, diese ganze amerikanische Schei\u00dfe, softe Gitarrenmusik.&#8220; (Rouy: Conversations: 60-61) Politik und Politik sind also zwei verschiedene Paar Schuhe. Und nat\u00fcrlich war Br\u00f6tzmanns Mitwirkung an der Gr\u00fcndung des FMP-Labels oder an der Etablierung des Total Music Meetings als Alternativfestival zu den Berliner Jazztagen, ebenfalls 1968, eine deutliche politische Aktion.&nbsp;<br><br>Es gibt da also \u2013 \u00fcbrigens h\u00fcben wie dr\u00fcben \u2013 einen Unterschied zwischen Intention und Rezeption. Und das ist dann ein Thema, das ich zum Schluss noch kurz ausf\u00fchren und ein paar Fragen f\u00fcr die Gegenwart anschlie\u00dfen m\u00f6chte.&nbsp;<br><br>Die Intention mag also gar nicht zuvorderst politisch gewesen sein, nicht bei Coltrane, nicht bei Br\u00f6tzmann. Aber das Ergebnis, die Art und Weise, wie ihre Musik in jenen Jahren auf- und wahrgenommen wurde, war politisch, weil Musik nun mal nicht im leeren Raum erklingt, weil Musik immer eine Perspektive auf die Gegenwart bietet. Es gibt sie ja nicht in der Alltagswirklichkeit, die absolute Musik, die nur sich selbst genug ist, in der alles benutzte Material nur auf sich selbst verweist und auch nur so rezipiert werden sollte. Unser aller Konzerterlebnis ist immer eine Reflexion dar\u00fcber, was die erlebte Musik uns in dem Augenblick, in der Situation, in der wir uns gerade befinden, als Individuen, als Gruppe, als Gesellschaft, sagt. Im simpelsten Fall bietet uns Musik einen R\u00fcckzugsort der unbewussten Reflexion; im besten Fall die Chance der Perspektivverschiebung.&nbsp;<br><br>Hat Musik, oder fragen wir konkreter: Hat Jazz also eine Botschaft? Durchaus: Gerade der Jazz als eine improvisierte Musik entsteht schlie\u00dflich als Reaktion auf kulturelle, \u00e4sthetische und politische Diskurse, die uns alle umtreiben. Musik nimmt Stellung, sie bezieht Position, allerdings sollten wir nicht erwarten, dass diese Positionsbestimmung sich in politische Parolen \u00fcbersetzen lie\u00dfe. Sie nimmt Stellung, indem sie uns dazu bringt, unsere emotionale Haltung zu aktuellen Fragen zu reflektieren, und uns damit im Ringen um eine eigene Position best\u00e4rkt.&nbsp;<br><br>Nur weil wir die Wirkung von Musik also schwer in Worte fassen, zumindest nicht eins zu eins \u00fcbersetzen k\u00f6nnen, hei\u00dft das noch lange nicht, dass Musik unpolitisch sei oder dass Musik h\u00f6chstens als Soundtrack des &#8222;realen Lebens&#8220; fungiere. Ich h\u00f6re immer wieder, meist von \u00e4lteren Jazzfans, die Musik sei heute ja nicht mehr politisch wie damals, als sie noch f\u00fcr etwas stand, als sie noch gesellschaftliche Relevanz besessen h\u00e4tte. Nun, auch wenn man oft denkt, Geschichte wiederhole sich immer: Nein, wir sollten nicht erwarten, dass unsere Sicht auf Musik, unsere Vorstellung, was an ihr gut oder schlecht sei, unsere Erwartung an ihre gesellschaftliche Einbindung, das Ma\u00df der Dinge seien.&nbsp;<br><br>Nicht die Musik war politisch 1968, sondern die Menschen waren politisch, und wenn wir die Musik damals oder heute als politischen Kommentar h\u00f6ren, so tun wir das im Wissen um die realen Ereignisse jener Zeit.&nbsp;Und heute ist die Musik weder politischer noch unpolitischer. Wir leben ja insgesamt nicht gerade in revolution\u00e4ren Zeiten. Jazz, Musik, Kunst im allgemeinen ist heute wie damals ein Spiegel der aktuellen Situation. Wenn in den USA auch die Musiker protestieren, und zwar nicht nur privat, sondern auch auf ihren Alben oder bei B\u00fchnenauftritten, so spiegelt das die Realit\u00e4t von #BlackLivesMatter oder #MeToo oder #BoycottNRA in den USA wider, Protestformen, die weiter reichen als das, was wir hierzulande auf die Stra\u00dfe bringen. Wer also die mangelnde politische Haltung von Musikern beklagt, sollte auf die Art des Diskurses blicken, den wir zurzeit hierzulande f\u00fchren, und der bei allen extremen Entwicklungen, die wir ja auch sehen, eher auf Ausgleich ausgerichtet ist als auf Krawall.<\/p>\n\n\n\n<p>PS: Machine Gun wurde im Sommer des Jahres 1968 noch ein paar Mal gespielt, am 11. Mai 1968 etwa im Concertgebouw in Amsterdam, wo ebenfalls Manfred Schoof zum Oktett stie\u00df&nbsp;oder im September des Jahres bei den Internationalen Essener Songtagen (WAZ 24.1.2018). In Diskographien ist immer wieder der Mai 1968 als Aufnahmedatum zu lesen, aber Thomas Hartmann hat bei seinen Recherchen zum Album Hinweise auf das fr\u00fchere Datum gefunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie also morgen Abend in der Lila Eule Peter Br\u00f6tzmann, Han Bennink und Alexander von Schlippenbach h\u00f6ren, wird die Musik wieder ihre ganz eigene Energie entfalten. Was Sie dann h\u00f6ren, was die Musik in Ihnen ausl\u00f6st, f\u00fcr wie politisch oder auch f\u00fcr wie aktuell Sie das alles empfinden werden, ist Ihrer eigenen H\u00f6rbiographie geschuldet. Im Idealfall erleben Sie, was viele H\u00f6rer auch mit &#8222;Machine Gun&#8220; erlebt haben: ein Ohren \u00f6ffnendes Manifest musikalischer Energie, verankert in den Traditionen Afro-Amerikas, und gespielt mit der Haltung erfahrener europ\u00e4ischer Musiker, die \u00fcber Jahrzehnte ihre eigene Stimme immer weiter entwickelt haben. Es ist die Kraft des Jazz, die genau das m\u00f6glich macht, und dass es uns nach wie vor ber\u00fchrt, ist politisch genug!<\/p>\n\n\n\n<p>Vielen Dank!<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Reflektion \u00fcber das ungewollt Revolution\u00e4re eines Jazzalbums Der amerikanische Pr\u00e4sident Bill Clinton wurde w\u00e4hrend seiner Amtszeit vom Oxford American, einer renommierten amerikanischen Kulturzeitschrift, gefragt, welchen Musiker er sch\u00e4tzt, der die Leser des Interviews wohl \u00fcberraschen w\u00fcrde. Seine Antwort war: &#8222;Peter Br\u00f6tzmann&#8220;. 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